Erstaunliches aus der Hirnforschung

Wer ist eigentlich der Chef im Gehirn, wo ist er, wieviele Mitarbeiter hat er und wer zieht im Hintergrund die Fäden und ist damit letztlich verantwortlich?
Aus der Hirnforschung ist folgender Umstand, verkürzt dargestellt, bekannt. Wenn sie die linke oder rechte Hand heben sollen, wird ihnen diese Entscheidung irgendwann bewusst und erst danach heben sie die gewählte Hand. Das erstaunliche ist, dass jedoch schon vor dem Bewusstwerden ihrer Entscheidung körperliche Aktionen ablaufen, die genau diese Reaktion einleiten, so dass man annimmt, dass die Entscheidung schon getroffen wurde bevor ihnen das bewusst wird. Wo genau und vor allen Dingen wer(?!) genau im Hirn hat diese Entscheidung getroffen? Es kann sogar soweit gehen, dass eine Aktion durchgezogen wird und dem Bewusstsein nachträglich geradezu eingeredet wird, es habe diese Entscheidung selbst so vor der Aktion getroffen. Es ist bekannt, dass im Falle visueller Wahrnehmungen Objektkontanz angenommen wird. Mal angenommen sie schauen in die Gegend, plötzlich steht eine Person nicht mehr an Stelle A sondern verschwindet und erscheint augenblicklich an Stelle B. Obwohl sie hingesehen haben, haben sie den Weg dazwischen nicht bemerkt. Es könnte sein, dass an Stelle B eine völlig andere Person steht, die der an Stelle A nur augenscheinlich ziemlich ähnlich ist. Das Gehirn kontruiert also, dass sie sich erinnern gesehen zu haben, dass diese Person den Weg zwischen beiden Stellen zurückgelegt hat und es sich auch um die gleichE Person handelt. Konsistenz scheint dem Gehirn in so einem Falle wichtiger zu sein als Objektivität. Es ist tatsächlich auch anzunehmen, dass a) die Person den Weg zurückgelegt hat und nicht etwa teleportiert wurde und auch, dass es sich b) um die selbe Person handelt. Diese Eigenschaft des Gehirn hat also eine gewisse Praxistauglichkeit. Vielleicht existiert auch eine Art Gedankenkonstanz, so dass Gehirn irgendwie versucht sich selbst davon zu überzeugen, dass alles schlüssig abgelaufen ist. Wichtig ist es noch zu wissen, dass manche Menschen zeitweilig ein Gefühl der Fremdsteuerung erleben, sie dürfen sich selbst gewissermaßen zuschauen während sie etwas tun - das Ganze soll an eine Art Film erinnern. Übrigens: Die genaue Stelle wo das "Ich" sitzt wurde noch nicht gefunden. Man geht auch davon aus, dass es, auch bei psychisch gesunden Menschen, mehrere Ichs geben könnte oder sogar Über-Ichs und Unter-Ichs. Bewiesen ist das aber soweit ich weiß nicht. Welche Stelle im Gehirn verspürt also Schmerz? Vielleicht wird man es niemals herausfinden. Zum Thema Schmerz ist noch soviel zu sagen, der Schmerzeindruck entsteht auf jeden Fall im Gehirn und nicht an der Stelle wo man ihn verspürt. Bei Fibromyalgie hat man wirklich Gewebe und Nerven total auf den Kopf gestellt ohne eine Ursache zu finden, es kann fast nur sein, dass im Gehirn der Schmerz sozusagen erfunden wird. Vielleicht war das Schmerzgefühl wirklich mal auf eine Reiz zurückzuführen, der Reiz endete irgendwann aber der Schmerzeindruck wurde aufrechterhalten. Man nimmt also an, dass eine Art Schmerzgedächtnis existiert. Interessanterweise hat das Gehirn selbst keine Schmerzsensoren, auch wenn man den Eindruck hat, dass das Gehirn selbst schmerzt, ist es nicht so. Selbst wenn ein Körperteil entfernt wurde, kann jemand noch Phantomschmerzen verspüren, vom amputierten Bein tut also konkret der dicke Zeh weh. Es wurde übrigens viel darüber diskutiert ob die neuere Hinforschung überhaupt noch sowas wie einen freien Willen zulässt und ob die Annahme einer Schuld(fähigkeit) im Strafprozess überhaupt noch gerechtfertigt ist. Hirnforscher betonen, dass man in der Regel eine Tat, auch wenn man den Eindruck hat, keine wirkliche Kontrolle zu haben, trotzdem bewusst abbrechen oder wenigstens hilfsweise umlenken könnte. Ein bestimmte Schlussfolgerung kann auch nur für bestimmte einfache und unkritische Sachverhalten zutreffen. Außerdem ist die Ursache für eine Straftat auf jeden Fall im Gehirn eines Menschen zu suchen und damit ist auch der Mensch grundsätzlich für sein Gehirn verantwortlich. Außerdem berücksichtige das Strafrecht bereits eine Schuldunfähigkeit wenn z.B. die Ursache einer Tat in einer psychischen Krankheit liegt. Auch simpler Irrtum oder nachvollziehbare und glaubhaft gemachte aber trotzdem übertriebene Reaktionen (z.B. in großer Angst oder gar Panik) eines gesunden Menschen können z.B. strafmildernd berücksichtigt werden werden, z.B. Notwehrexzess oder rechfertigender Notstand. Alles andere würde zu bemerkenswerten Schlussfolgerungen führen. Mal angenommen man könnte den Teil des Gerhins identifizieren, der für eine Tat verantwortlich ist, was dann? Soll man diesen Teil etwa chirurgisch entnehmen und inhaftieren und den restlichen Menschen laufen lassen und nach Verbüßung der Freiheitstrafe wieder einsetzen? Selbst wenn man es könnte, würde das wohl niemand ernsthaft in Erwägung ziehen. Übrigens, in Deutschland gibt es kein Gedankenverbrechen. Die Gedanken sind tatsächlich frei. Allerdings gehören zu einem Gedankenverbrechen im Weitesten Sinne auch Handlungen, die - bewusst oder unbewusst - der Vorbereitungen einer Straftat dienen und genau da wird z.B. das bayerische Polizeiaufgabengesetz interessant, worauf ich aber hier nicht näher eingehen möchte. Eine interessante Frage ist, ob jemand der mehrere Persönlichkeiten in sich vereint, evtl. mehrfachen Anspruch auf Sozialleistungen hat, sozusagen pro Persönlichkeit. Ich habe dazu jedenfalls mal kein Gerichtsurteil gefunden, auch in Fällen wo sich deutlich zwei Gehirne einen Körper teilen, z.B. siamesische Zwillinge, schweint diese Frage noch nicht aufgetaucht zu sein. Natürlich müssen, siamesische Zwillinge etwa, sich evtl. nur einmal einkleiden, nur einmal ernähren und nur einmal wohnen, eine Art Mehrbedarfszuschlag könnte also evtl. Zusatzbedarf regeln. Aber grundsätzlich hat man bei Sozialleistungen, auch wenn sie der Einfachheit halber als Gesamtleistung berechnet und ausgezahlt werden, z.B. bei Familien, einen Individualanspruch. Der Begriff Individuum bezeichnet allerdings in der Regel die ganze Entität, nicht etwa nur einen Bereich des Gehirns wo das Ich des Individuum letztlich sitzt.

Savants und Synästhesie
Wenn sie jetzt in Sachen Gehirn neugierig geworden sind, kann ich ihnen auch noch die Beschäftigung mit Savants empfehlen, diese Menschen haben angeboren oder erworben (z.B. durch Unfall) in gewissen Teilbereichen geradezu erstaunliche Fähigkeiten, man spricht auch von Inselbegabungen. Wenn das Gehirn eine elektronische Schaltung wäre, würde man sagen, dass ein Filter ausgefallen wäre. Ja sie haben richtig gelesen, man nimmt an, dass in jedem Menschen grundsätzlich das Potential zum Kalenderrechnen steckt, dass jeder ein fotografisches Gedächtnis hat und auch jeder irgendwo noch die Information, was er wann wo im Leben genau getan hat und dabei wahrgenommen und auch empfunden hat, gespeichert hat um nur einige Fähigkeiten zu nennen. Diese Daten werden aber gefiltert, wobei man annimmt, dass der ungefiltere Blick einen Menschen überfordern oder gar wahnsinnig machen würde. So richtig bewiesen ist das alles aber nicht. Fairerweise muss man auch dazu sagen, dass manche Savants angezweifelt werden, denn z.B. kann auch ein "Normalo" sich gewissen Dinge antrainieren, z.B. ist das schnelle Rechnen mit relativ großen Zahlen kein Hexenwerk, wenn man das ernsthaft über Monate oder sogar Jahre üben würde. Der Unterschied zwischen einem Savant und einem neurologisch typischen (häufigen) Menschen ist in vielen Fällen dieser: Ein Savant weiß etwas ohne groß nachzudenken, nachzurechnen oder zu assoziieren. Die Antwort ist einfach da. Kleine Anmerkung: Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, dass z.B. beim Quersummenrechnen vom Schneckentempo eine Geschwindigkeitssteigerung zu "auf einen Blick errechnet" ein deutlicher Trainingseffekt möglich ist.) Synästhesie ist auch eine interessante Geschichte, auch hier könnte man sagen, dass wenn das Gehirn eine elektronische Schaltung wäre, eine Art Übersprechen stattfindet. Es werden also Daten auf Kanäle gebracht wo sie nicht hingehören und somit in zur Verarbeitung ungeeignete Bereiche weitergeleitet. Z.B. kann eine von vielen Menschen als relativ neutral wahrgenommene Zahl riechen, schmecken, weich sein, stinken, schmerzen oder etwas völlig anderes. Auch hier gibt es Normalos, die z.B. bei dem Begriff 'Mittwoch' sofort an blau denken, dieser Effekt ist aber eher eine Assoziation, in diesem konkreten Fall, könnte es z.B. sein, dass sie in ihrer Kindheit immer eine ganz bestimmte Fernsehzeitung gelesen haben und der Begriff Mittwoch war auf der entsprechenden Seite immer deutlich in einen großen tiefblaufen Rahmen gedruckt. Irgendwie wurde der Mittwoch dann blau. Zum Theman Filter möchte ich noch hinzufügen, dass unserer Sensoren sowieso nur einen sehr begrenzten Ausschnitt aus der Welt erfassen können, diese Daten werden evtl. vorverarbeitet und weiter gefiltert. Manche nennnen das Gehirn deshalb auch "Reduziermaschine". Man muss allerdings auch dazu sagen, dass hier und da auch etwas hingefügt wird, Farbe z.B. ist keine Objekteigenschaft. So etwas wie blau (Licht eine bestimmten Wellenlänge, die auf das auge trifft) existiert außerhalb des Gehirn nicht.

23
Was das alles noch mit der 23 zu tun hat? Naja, ich sage mal so. Bevor man sich auch nur hobbymäßig mit Wissenschaft beschäftigt, sollte man sich vielleicht wenigstens neben der reinen Kenntnisnahme von Fakten, auch mit sich selbst beschäftigen. In Sache Muster(erkennung) und Deutung sind ein dutzend Phänomene aus Hirnforschung, Psychiatrie und Psychologie bekannt, also z.B. hinsichtlich der Wahrnehmung und Deutung. Es existieren auch bekannte psychische (eigentlich körperliche) Krankheiten (Varianten) bei welchen in Sachen Muster zu Abweichungen gegenüber neurologisch typischen (häufigen) Varianten kommt. Wenn man sich ernsthaft mit etwas beschäftigen möchte, kommt man nicht umhin, sich auch sich selbst zu berücksichtigen. Wo sind meine Grenzen, wo sind typische Fehlerquellen, kann ich überhaupt sowas wie ein neutraler objektiver Beobachter sein usw.?

Fazit
Mein persönliches Fazit aus dem Bereich Hirnforschung, Psychiatrie und Psychologie. Ich weiß längst nicht alles aber soviel kann ich sagen: Man weiß schon ziemlich viel aber irgendwie auch wieder nichts. Durch Beobachtung mittels bildgebender Verfahren während bestimmter Aktivitäten kann man ziemlich viele Vorgänge räumlich eingrenzen. Eine Art "Prozessor", "Dirigent", "Synchronisator" oder ein sogenanntes "Großmutterneuron", also ein Neuron, welches beispielhaft sämtliche Infos über die Großmutter enthält oder wenigstens der Sitz des Ichs wurden bisher nicht gefunden, vielleicht existiert sowas auch gar nicht. Das Gehirn ist meiner bescheidenen Meinung nach jedenfalls wahres Wunderwerk, vielleicht ist es nicht fehlerfrei und es ist ärgerlich wenn man nicht sofort bei Anforderung einen bekannten treffenen Begriff erinnern kann aber trotzdem. Statt nur irgendwelcher durchaus beachtlicher Bauwerke als Weltwunder zuzulassen, sollte das Gehirn wenigstens eine Erwähnung wert sein.

Literatur
Wer sich für irgendwelche neurologischen Phänomene interessiert aber nicht trockene Texte lesen möchte, dem kann ich zum unterhaltsamen Einstieg: Oliver Sacks - Der Mann der seine Frau mit einem Hut verwechselte, empfehlen.

by 23-abs-TR-act-23